kreative ausdrücke
Tom
Tom, er hat viele wünsche zu weihnachten: einen Flachbildtoaster, ein paar Stereonähmaschinen, Kokosmilchmühle (light!), ein buch über die Killerteeplage in Nordsüdkatalogien. Aber mit wünschen war es nicht gemacht. Er brauchte noch jemanden, der sie ihm erfüllen konnte. Also suchte er im gut sortierten Freundefachgeschäft nach Hilfe. Die kam dann in form eines großen, lebensbedrohlichen Würfels. Er sah einfach weg. Wieder auf der Straße traf er einen Menschen, den er nicht kannte, und fragte ihn, ob sie freunde werden wollen. Ja gern, sagte der, und hörte geduldig zu. Sein neuer Freund hieß Maaae, fluchte am liebsten leise und wenn er allein ist, und umgab sich gern mit allerlei Altgasfässern, die er nach und nach ins Klo schüttete. Was sollte also Tom ihm schenken? Eins war klar: etwas, das sich nicht leicht auswaschen lässt, erst bei über 150 grad seinen Schmelzpunkt hatte, trotzdem gut zu seinem grün-gelben Sofa passte und keine Schulden bei der Bank hatte. Mh, Ein Minischraubenzieher für die Brille schien also nicht geeignet. Er entschuldigte sich unbedarft, als er mit Karl, seiner ehemals verflossenen, zusammenstieß. Sie hatte nicht mehr viel für ihn übrig. Einen halben Laib Brot vielleicht, mehr nicht. Dabei mochte sie ihn immer noch so gern. damals hat er sie nie angeguckt. er erkannte sie nur immer wieder am Leberfleck neben den Augenbrauen, fast unsichtbar für jemanden, der nicht alle Details wertschätzte. Liebevoll schaffte er es, sie wegzuekeln. Diese Ratte. Immer eine dumme Lippe auf dem Riskierbrett. Er würde Maaae davon erzählen, er hatte ihn sehr lieb gewonnen. Mal gucken, dachte er laut vor sich hin, verwarf den Gedanken aber gleich wieder. "Maaae wird's schon richten." War schon immer sein Leitspruch gewesen. Dass er jetzt einen kennen gelernt hatte schien diesen Satz recht zu fertigen. Maaae war ein stilles wasser-trinkendes Etwas. Tief im durchdringenden sinne und im Abgang torfig. Dennoch Vorbild vieler Hobbyarbeitsloser. Halt ein typischer Nerv. Die tage zählte er rückwärts, erledigte zwischendrin die post, war sonst aber angenehm im Nehmen und in Computerfragen eine Rarität. Die Begegnung mit Tom schien ihm nur allzu bekannt anzumuten: neulich erst fragte er sich, wann er wohl einen kennen lernen könnte, der nicht nur die gleichen Interessen wie dessen Nachbar, sondern auch nach Adam Riese kam, wenn's um Einsamkeit geht, "ja dann!" Da haben sich ja zwei gefunden. Andere gehen morgens zur arbeit, unsere beiden freunde auch, kennen sich aber untereinander. Adieu, Großstadtanonymität, Alpenpanorama und Panamakanal. Nichts ist unmöglich, Toyotomata. Tom entschied sich für das kleine blaue, es erfüllte alle oben genannten Kriterien, war obendrein noch sehr geräuscharm beim auspacken und zierlich auch in Freizeitkleidung, was ja bei heutigen Tennerif-Verträgen kein Kleingedrucktes mehr übersehen kann. Zudem war's billig, ein teures Auto wär auch zuviel des Guten, er kannte ihn schließlich erst ein paar stunden, und wer weiß, wer Maaae wirklich war. Ein komisches Gefühl hatte er von Anfang an: der aufgeklebte Bart, die gespritzten Lippen, widerwärtiger Gestank unterhalb der Schulterblätter, dazu die verstellte Stimme. Alles eher etwas, dem man nicht nachts begegnen sollte. Doch man kann sich seine Freunde eben nicht aussuchen. Vor allem nicht mehr um diese Uhrzeit. Und vor allem nicht Maaae Maaae hatte auch schon Toms Wunschliste in der hand, sah damit aber eher ungelenk aus, wusste nicht so recht, wer und wohin. Aufgeben war aber noch nie seine stärke, deshalb biss er die zähne zusammen und machte erst mal Kaffee. "Schieb auf, das ding", wollte er schon immer mal sagen, wenn er in genau dieser situation war. Es schien also der geeignete Zeitpunkt. Und die Sonne. zu seinem Fenster rein wehte Wind von Norden, es sah auf die Südseite, erkundigte sich deshalb manchmal nach der Richtung, ja, er was armselig. Der große showdown kommt jetzt, als sich die beiden am Heiligenabend in einer weihnachtsgans trafen, und sich erst mal lange zeit nur anguckten. Sie waren allein. Maaae rannte als erster los, gefolgt von tom… was genau geschah, sind tatsachen, die keiner je beweisen kann. Erst Tage später fand ein umgestürzter Nadelbaum die beiden Leichen in sich verkeilt und erfroren im Park rumhüpfen. Selbst ein tiefer Seufzer kann diese Ungerechtigkeit nicht in Worte fassen. Aber es kommt alles so, wie so, im Magen zusammen. Ein paar Patzer ausgenommen. Ob und wieshalb bleibt Spekulation. ![]() © 2005 für alle werke by philipp kraus
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